07.30 in der Früh. Kitzbühel erwacht. Eine Gruppe „Frühaufsteher“ wartet bei der Hahnenkamm-Bahn auf die erste Gondel. Der Grund dieser Fahrt ist die Jury-Inspektion der Piste. Günter Hujara aus Deutschland ist 57 Jahre alt und Renndirektor des Alpinen Ski World Cup der Herren. Hujara ist seit 20 Jahren im alpinen „Skizirkus“ tätig und hat mit über 1200 organisierten Veranstaltungen eine enorme Erfahrung. Dazu gehören neben den World Cups auch Weltmeisterschaften und Olympische Spiele.
Als der letzte der „Frühaufsteher“ erscheint, setzen wir uns in die Gondel. Zur Gruppe gehören unter anderem Lorenzo Conci, Technischer Delegierten dieses Rennens und Michael Huber, Präsident des Kitzbüheler Ski Clubs. Auf dem Weg nach oben wird einem Hujaras' Passion für diesen Sport bewusst.
An der Bergstation angekommen, auf dem kurzen Weg zum Starthaus, fühlt man den Druck, der auf Hujara lastet. Später, im Jury-Raum des Red Bull Restaurants, vergleicht Hujara einmal mehr das Risiko, das ein Skirennläufer bei einem solchen Rennen eingeht, seine Gesundheit zu gefährden. „Wir sollten ein Schild oben beim Eingang des Starthaus hinhängen mit der Aufschrift: „ Das Überschreiten dieser Schwelle kann ihre Gesundheit gefährden!“. Diese Worte gewinnen erst recht an Bedeutung, wenn der Rennläufer an der Rolex Zeitschranke im Starthaus steht, bereit sich ins Abenteuer dieses Rennens zu stürzen.
„Der Skirennsport war nie sicher und wird nie sicher sein,“ antwortet Hujara auf die ständige Frage nach Sicherheitsvorkehrungen in diesem Sport. „Skirennen fahren ist ein Sport, bei welchem sich die Rennläufer, wenn sie sich an die Grenzen des Machbaren wagen, von Anfang an des Risikos bewusst sind. Der Sport beruht auf Geschwindigkeit, somit wird er nie sicher sein können.“ Hujara unterstreicht den wichtigen Faktor seiner Aufgabe: „Wir können die Sicherheit verbessern, wir können Umstände ändern, die zu schlechten Konsequenzen führen könnten, es wird uns aber nie gelingen, den Skirennsport in einen sicheren Sport zu verwandeln.“
Dank der gemeinsamen Anstrengung von beiden Renndirektoren des Alpinen Ski World Cups, Damen und Herren, wird versucht, der Öffentlichkeit mehr und mehr bewusst zu machen, dass die Gefahr begrenzt werden muss und Sicherheit Vorrang hat. Hujara erklärt: „Dieses Problem kann nicht einseitig angegangen werden“. Er fährt fort: „ Es zwingt uns dazu, unsere Diskussionen positiv und seriös zu führen. Das Quadrat der Geschwindigkeit! Das muss uns bewusst sein.”
Seit dem Anfang des Skirennsports hat der Mensch versucht, schneller und schneller zu werden. Hujara weist auf die Hausbergkannte und den Zielschuss hin und kommentiert, dass diese Rennstrecke in ihrer ganzen Renngeschichte von der Sicherheit her nie zuvor in einem besseren Zustand war. Der letzte Sprung wurde überdacht doch Hujara stellt fest, dass es immer jemand geben wird, der eine andere Meinung vertritt. Doch genau das sieht er als Teil seiner Aufgabe: Die Extreme und Eigeninteressen zu stoppen. „Du bewegst Dich in einer Grauzone“, erklärt Hujara. „Da sind Kinder und da sind Erwachsene.“ Die erwachsenen Personen übernehmen Verantwortung und wissen hundertprozentig was sie tun.“
Günter Hujara bekennt sich zu seiner Passion für den Skisport. „Ich bevorzuge den alpinen Skirennsport“, antwortet er auf die Frage, ob ihn die technischen Disziplinen oder Geschwindigkeitsdisziplinen mehr begeistern. Wenn es dann zu den Trainingsläufen und der Abfahrt selber übergeht, findet man den Mann, der das gesamte Team führt, bei der Mausefalle, immer darauf bedacht, dass das Rennen sicher und erfolgreich abläuft. Ist dazu der beste Platz zuhause oder im Büro? Hujara überlegt eine Weile bevor er sich dazu äußert: „An manchen Tagen ist es am besten vom Büro, von zuhause oder von der FIS Zentrale zu arbeiten, um Sachen zu erledigen. Doch in diesem Rennen ist die Mausefalle bestimmt der beste Platz. Von da aus kann ich das Rennen am besten kontrollieren.“
Hujara führt ein engagiertes Team für dieses 70. Hahnenkamm-Rennen. Lorenzo Conci, der sein Amt als TD seit drei Jahren innehat, erzählt, dass Hujara eng mit seinem Team zusammen arbeitet, um das beste Resultat zu erzielen. „Ich versuche nicht „Ich“ zu sagen“, erklärt Hujara und ergänzt: „Ich konzentriere mich darauf, die beste Rennstrecke zu bieten, den besten Event, doch das ist Teamarbeit!“ Und wie steht es mit seinen Hoffnungen? „Mein Wunsch sind hervorragende Events, spektakuläre Aktionen der Rennläufer - die vielleicht auch einige Stürze beinhalten ABER - betont er - keine ernsthaften Verletzungen“.
Günter Hujara hat einen harten Job: Jeder hat seine eigenen Ideen und Vorschläge, doch er hat kein Problem damit „nein“ zu sagen. „Es ist ein sehr komplexes Spiel“, bekennt er, „doch ich habe ein großartiges Team“. Skirennen ist ein Sport mit Risiko: „Man muss sich darüber bewusst sein“, reflektiert Hujara und ergänzt: „wir handeln mit Tatsachen, Argumenten, Realitäten - es gibt immer eine Lösung“. Der Kanadier Mike Kersetz, der zu seinem Team gehört, fasst kurz zusammen: „Jede Situation kommt zu uns als Problem, doch jedes Problem ist lösbar. Vielleicht nicht so wie es sich die Person, die es gebracht hat wünscht, aber er ist lösbar.“
„Die Leute wissen, dass wir das Beste versuchen. Wir probieren immer, unter den gegebenen Umständen das Maximum zu bieten. Nicht immer gelingt es uns das Optimum zu erreichen, was wir jedoch können ist das Maximum bieten.“
Die Konversation bewegt sich weiter im Kreis und wir kommen zurück zum Thema Sicherheit. Hujara ist klar und deutlich und bringt es auf den Punkt: „Die Leute müssen sich über die älteste, vielleicht auch die neuste Erkenntnis bewusst werden: Es ist ein riskanter Sport, doch die Rennläufer wählen ihn!“
Und wir lieben es, ihnen zuzuschauen!
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